Dienstag, 26. September 2017

Holly Lavender über Das Schicksal würfelt nicht. Es zinkt die Karten

Lange ist es her, seit dem es den letzten Blick hinter die Kulissen gab. Heute wagt es die Autorin Holly Lavender, euch zu erzählen, wieso sie ihr Buch geschrieben hat und wie es dazu kam. :)

Geschichte hinter der Geschichte oder: Behind the Scenes.
Kennt ihr das? Im echten Leben gibt es Begebenheiten, bei denen du denkst, als Buch, als Plot würde dir DIE jeder Lektor um die Ohren dreschen, mit den sinnigen Worten: „Ernsthaft? Mädel, komm mal runter. Man kanns auch übertreiben mit der Dramatik. Leser machen viel mit, aber das? Geh da besser nochmal drüber.“
So eine Begebenheit ist Basis meines Buches. Nicht grundlos der Titel:
Das Schicksal würfelt nicht. Es zinkt die Karten.“



Okay. „Futter bei die Tische“: Vor einigen Jahren lerne ich jemanden kennen, wie das eben ist, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind, aber Freundinnen genug um einen herum, die reichlich Kontakte zu Jungvolk haben. Alles easy. Man strickt, man lacht, man erzählt sich dies und jenes. Alles gechillt. Man plant. Wie ist es, backen wir Plätzchen, ist ja nicht mehr lange hin, Weihnachtszeit und all das.
Mittendrin im heiteren Geplänkel platzt die Bombe. Plötzlich bangst du um ein Leben, das dir blutjung erscheint, das gelebt werden will, dessen bewegende Fragen sein sollten: „Sitzen meine Haare?“, „Macht mich die Jeans fett?“ „Der kriegt doch gar nicht mit, dass es mich gibt!“
Stattdessen stellen sich andere Fragen. Todernste. Nicht mehr, nicht weniger. Und mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Alle Fragen sind beantwortet ...



Man ist da, für jemanden, der die dunkelste Zeit seines jungen Lebens erduldet. Nah und fern fühlt man mit. Tut, was man kann. Schreibt ein Märchen. Ein strahlendes, ein bizarres, ein heiteres, ein lustiges. Eins, das nur für Eine Sinn machen muss. Eins, in dem sich viel wiederholt, weil man weiß, sie, die Einzige die es liest, vergisst sofort, was sie gelesen hat. Eins, in dem alles schön ist, weil im richtigen Leben nichts annähernd schön ist.
Eins, in dem gottverdammt ALLES möglich ist, weil man Hoffnung schenken will. Weil man den Glauben an das Wunder nicht aufgeben will. Weil man das Schicksal durchschütteln und anbrüllen will: Gehts noch? Wie kannst du es wagen ...
Ihr kennt das.

Jahre später entdecke ich es wieder. Melancholisch tauche ich in die Zeit ein, im Wissen ums Jetzt. Finde manches eigentlich gar nicht mal so schlecht. Rein theoretisch. Etwas mehr Leben wäre gut, sagt der Autor, der auch Leser ist. Ein Jemand, der ... plötzlich – und ich beeide jederzeit, exakt so ist es gewesen, ist er da. Jemand.
Ásgeirr. Allein der Name!
Ein von seinem Dasein angefressener Engel, dessen Überheblichkeit gleichauf liegt mit seiner Menschenverachtung. Dessen Übellaunigkeit von seiner Ungeduld getoppt wird. Dessen gute Eigenschaften als himmlischer Helfer diffus sind. Er hat ne Menge drauf. Keinen Plan. Seinen eigenen Kodex. Eine sonderbare Art, mit den Allmächtigen umzugehen. Oder seiner Berufung. Genau der hat gefehlt.
Ja, auch der Prinzessin, die einen neuen Namen, eine etwas andere Rolle erhält. Nach wie vor geht es ihr hervorragend, in jener bizarren Welt. Anders als ihrem neuen Begleiter. Der kriegt wenig bis nichts auf die Kette. Ist uns ähnlicher, als wir auf den ersten Blick meinen. Dennoch ist er nicht nur der Loser.
Als Engel darf er Wahrheiten verkünden, die man nicht mal nebenbei überfliegt. Als Engel darf er schalten und walten, wie es ihm beliebt, weil mir Dogmen ... sagen wir so: Ich bin alt genug, mich darüber hinwegzusetzen. Als Engel spiegelt er das, was wir alle uns wünschen – ein echtes, tatsächliches „Was wäre, wenn ...“.
Was wäre, wenn wir unserem Leben endlich eine Wende geben?
Was wäre, wenn wir unser eigenes Ding durchziehen?
Was wäre, wenn wir, ganz für uns, eine Welt erschaffen, eine Oase, die uns guttut, die wir haben, weil wie sie verdammt noch eins verdienen. Weil das Leben so was von unfair ist. Weil wir das wissen und trotzig sagen: Da scheiß ich drauf.
Weil wir einmal erleben wollen, wie es ist, wenn alles ganz anders ist. Gut. Schön.

Nach Monaten des Feilens und Ziselierens, Plotten ohne Plot, Schreiben, einfach weils Spaß macht, ist er fertig. Ein Roman, 400 Seiten. Halleluja. Wollte ich über Engel schreiben? Nope. Aber wenn's so ist, dann auf meine Weise.
Lektorat, Korrektorat~ gehört dazu. Diesmal lief es recht schräg. Okay, die auch Klippe umschifft. Bleibt die Letzte. Nach wie vor braucht ein Buch ein passendes Cover.
Besonders ein Buch, dass weniger Pageturner, sondern still, berührend ist, dessen Wirkung sich in Ruhe entfaltet. Wie ein guter Rotwein.
Was hab ich zu verlieren? Frechdreist frage ich bei einer renommierten Künstlerin in Amerika an, ob eine Idee von mir machbar ist. Nein, ist sie nicht. Exclusiv-Lizenzen. ABER ich dürfe gerne auf ihrer Seite schauen ... Was ich tue. Und entdecke DAS Bild, bei dem ich mich frage: Wie zur Hölle kann sie, diese Frau, vor Jahren, meine Zarah gezeichnet haben? In einer Szene, die exakt beschreibt, um was es geht und überhaupt ... Nun, sagt die göttliche Künstlerin: You want that? Okay, we do it bohemian way.

So macht sich ein Buch auf, Leser zu finden, um sie mitzunehmen, in eine fantastische Parallelwelt, in der nichts ist, wie es scheint. In der Grenzen verschwimmen, bedeutungslos werden. In der viel angedeutet, ausgesprochen, aber offengelassen wird.
Eine dunkle Phase im echten Leben ist Geburtsstunde eines literarischen Engels. Ásgeirr. Dem eine Menge mehr bevorsteht. Ich kann nix dafür, ich hab nur ein harmloses Märchen geschrieben. Jetzt hab ich den an der Backe. Könnte mir Leichteres vorstellen. Oder nicht, weil ich trotzig genug bin, zu sagen: Was solls?!
Mit 57 Jahren zu alt für Mainstream, ein Roman-Debüt. Zu reif, um angepasst zu sein. Zu gesetzt, um zu glauben, Leser lesen nur leichte Kost.
Jedes Genre hat seinen Genusseffekt, jedes Buch seine Berechtigung.
Ásgeirr und Zarah stehen für Zeiten, in denen Fairness keine Frage des Blickwinkels ist. Phasen, in denen das Schicksal höchst ungerade Wege geht. Augenblicke, die endlos scheinen. Bizarr und unwirklich. Genau jene sind es, die uns im Nachhinein grinsen, geradezu strahlen lassen. Weil wir ungläubig zurücksehen, auf das, was wir erlebt haben, wo wir gelandet sind, wie anders unser Jetzt ist.
Alles eine Frage der Definition.

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